Einmal zurückschalten, bitte!

Warum gibt es Armutsbetroffene, die mit dem Auto im Caritas-Markt einkaufen gehen? Das Geld für’s Auto könnten die doch besser einsetzen, sollte man meinen.

Damit das gleich klar ist: Ich fahre ÖV, prinzipiell, oder Velo. Ausser wenn ich mit meinem Sohn Anatol unterwegs bin, weil mit Rollstuhl ist bei ÖV auch im Jahr 2012 noch meist fertig lustig. Aber bei all den Nichtrollstuhlfahrer/innen frage ich mich häufig, warum man überhaupt noch ein eigenes Auto haben sollte, schliesslich gibt’s Mobility. Als ich vor einigen Jahren bei Caritas angefangen habe, fragte ich mich deshalb schon bald, wie man arm sein und gleichzeitig ein Auto haben kann – in dieser Situation gilt doch für den Sicherheitsgurt dasselbe wie für alle anderen Gürtel auch: Bitte enger schnallen! Ich fand, beim Autobesitz wäre Zurückschalten angesagt.

Gib Gas, gib Gas, zu Fuchs und Has
Bis ich erfuhr, unter welchen Bedingungen Armutsbetroffene häufig arbeiten müssen: Schichtarbeit, oder auf Abruf, oder an Orten, an denen man vielleicht mit Fuchs und Has, aber nicht mit Tram und Bus hinkommt. Also schwierig planbar, schwierig erreichbar – und deshalb oft nur mit eigenem Verkehrsmittel er-fahrbar. Dazu kommt, dass viele Working Poor auch selber nicht gerade an Verkehrsknotenpunkten wohnen. Die langen Anfahrtswege werden mit zwei, drei Mal umsteigen noch länger. Eltern bekommen ihre Kinder so abends nur noch kurz zu sehen. Gemeinsame Zeit beim Abendessen, Familienzeit für den gegenseitigen Austausch liegt dann nicht mehr drin, Helfen bei den Hausaufgaben schon gar nicht.

Sackgasse? Einbahnstrasse? Eben. Dann lieber mit dem Auto, wenn’s sein muss. Weil es wichtigeres gibt, das sonst auf der Strecke bleiben könnte.

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1 Kommentar

  • Reply Christian Hagen 24. Oktober 2012 at 11:59

    Und genau hier stossen wir wieder an, an unserem heutigen Gesellschaftssysstem, welches meines Erachtens nicht mehr stimmt, nur, wer will oder kann das korrigieren?

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